Textatelier
BLOG vom: 16.06.2005

Welches Volk will denn „schwer belastende Tierversuche“?

Autorin: Lislott Pfaff

In der Basler Zeitung vom 4. Juni 2005 erschien eine Stellungnahme des Stellvertretenden Direktors der Schweizerischen Gesellschaft für Chemische Industrie (SGCI), in der behauptet wird, das in der Volksinitiative „Tierschutz Ja“ geforderte Verbot schwer belastender Tierversuche missachte den Volkswillen. Eine solche Behauptung ist für mich unbegreiflich. Denn gemäss einer Online-Umfrage der Basler Zeitung (www.baz.ch/kontrovers/) votierten 80 % der Nutzerinnen und Nutzer für eine Verschärfung des Schutzes von Labortieren.

Ich bin überzeugt, dass das Schweizervolk die bisherigen Initiativen gegen Tierversuche nur deshalb abgelehnt hat, weil im Verlauf des jeweiligen Abstimmungskampfes von der Chemie- und Pharmaindustrie immer wieder beteuert worden war, dass Tierversuche bei uns von den Behörden gut kontrolliert würden und deshalb harmlos seien. Man könne also ruhig ein Nein in die Urne legen, da eine Verschärfung der einschlägigen Bestimmungen nicht erforderlich sei. Mit solchen Beschwichtigungen wurde die Bevölkerung bewusst in die Irre geführt.

Chemie und Pharma traten (und treten heute noch) als Wolf im Schafspelz auf und verschwiegen wohlweislich, was der nüchterne Begriff „schwer belastende Tierversuche“ bedeutet. Mit diesem Begriff (im Fachjargon „Schweregrad 3“) werden jene Versuche bezeichnet, die bei den Tieren schwerstes Leiden und grosse Ängste hervorrufen. Diese Umschreibung wird auch von den Forschern selbst anerkannt, und es gehören dazu vor allem Gifttests, die Erzeugung von Krampfanfällen, absichtlich hervorgerufene bakterielle Blutvergiftungen, Hervorrufen von Tumoren, erzwungenes Inhalieren toxischer Stoffe usw. 2003 wurden über 17 600 Tiere – 2% mehr als im Vorjahr – solchen qualvollen Manipulationen bei Bewusstsein des Versuchstiers unterzogen. Hätte die Bevölkerung in der Vergangenheit von diesen Perversitäten Kenntnis gehabt, so wäre der Volksentscheid zumindest bei der zweiten, gemässigten STS-Initiative, die nicht alle, sondern die schlimmsten Tierversuche abschaffen wollte, sicher anders ausgefallen. Ich hoffe, dass die Öffentlichkeit dieses Mal auf die Abstimmung hin besser informiert sein wird.

Die chemische und pharmazeutische Industrie sei „an verlässlichen Rechtsgrundlagen für den Tierschutz notwendigerweise interessiert“, insbesondere an einer Regelung der Tierversuche, beteuert die SGCI in der erwähnten Stellungnahme. Diese Regelung ist im schweizerischen Tierschutzgesetz verankert, wird aber in der Praxis nur zu einem sehr kleinen Teil befolgt. Es ist allgemein bekannt, dass die Kontrollbehörden bei der Beurteilung und Bewilligung von Tierversuchs-Projekten mehr als ein Auge zudrücken und auch gar nicht in der Lage sind, die Notwendigkeit beziehungsweise Sinnlosigkeit der betreffenden Experimente zu beurteilen. In der Regel sind es die Forscher selbst, die bestimmen, welche Versuche oder welches Forschungsprojekt „für das Wohl der Menschen“ – wie es so schön heisst – erforderlich sind. So wurden 2003 insgesamt 910 solcher Gesuche neu bewilligt und lediglich 6 Gesuche behördlich abgelehnt.

Schon seit Jahren wiederholen die Chemie- und Pharmakreise dieselbe Litanei: „Trotz grosser Fortschritte in der Forschung nach Tierversuchs-Alternativen“ könne „leider immer noch nicht“ auf Experimente am Tier verzichtet werden. Angesichts der astronomischen Zahlen im Versuchstier-Verbrauch der letzten Jahre frage ich mich, wie ernsthaft diese Forschung nach Alternativen betrieben wird und wer überhaupt bestimmt, wann die neuen Methoden – zum Beispiel die Organsimulation am Computer – endlich in der Praxis zur Anwendung kommen sollen. Ich habe den Eindruck, dass die dafür zuständigen Kreise keineswegs an der Einführung moderner Forschungsmethoden interessiert sind: Tiere sind so billig, dass sie allemal noch weniger Kosten verursachen als labormässige High-Tech-Anwendungen. Oder fehlt es in den Forschungslabors der als so fortschrittlich gepriesenen Chemie- und Pharmaindustrie schlichtweg am erforderlichen Know-how? Ich hoffe, dass in dem in Basel entstehenden Novartis-Campus, der als das Nonplusultra für die Forschenden der Life sciences gepriesen wird, in den zuständigen Labors tierfreie Ersatzmethoden ein Must sein werden.

Die immer wieder blauäugig angeführte Tatsache, dass „die Zahl der für Versuche benötigten Tiere seit über 20 Jahren spürbar zurückgegangen“ sei (um runde 75 %), hat folgende Ursachen: Bis in die 70er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde jede neue Substanz im so genannten Screening an zahllosen Tieren ziellos auf ihre Wirkung gegen irgendeine Krankheit geprüft, bis die Forscher jeweils auf eine Fährte stiessen, die sie für verfolgungswürdig hielten. Diese Try-and-Error-Strategie, die einen unvorstellbar hohen Tierverschleiss verursachte, wurde seit der offiziellen Erfassung der Tierverbrauchs-Zahlen im Jahr 1983 allmählich durch Methoden ersetzt, die effizienter und kostengünstiger sind: computerunterstützte Mikrobiologie, mathematische Modelle usw. Deshalb die starke Abnahme der statistisch erhobenen Tierzahlen seit 1983 – und nicht aus ethischen Erwägungen und schon gar nicht dank dem ständig angeführten 3R-Konzept (reduction, refinement, replacement von Tierversuchen), das nichts anderes ist als ein Feigenblatt der Chemie- und Pharmakreise, aber keine wirklichen Verbesserungen für die geplagten Tiere bringt. Seit Einführung der erwähnten – wissenschaftlich und ökonomisch viel vorteilhafteren – Forschungsmethoden im Lauf der 80er-Jahre sind die Tierverbrauchs-Zahlen mehr oder weniger konstant geblieben.

Es fehlt ihnen eine starke Lobby, den Tieren, eine Gewerkschaft der am meisten ausgebeuteten, gequälten, misshandelten Wesen unserer Gesellschaft. Wäre eine solche Lobby vorhanden, so bin ich sicher, dass Tierversuche längst zu den bedauerlichen Kapiteln der Vergangenheit gehören würden.

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